W. Sutejew: Unter dem Pilz

Eine Ameise wurde von einem Regenguss ĂĽberrascht.
Wo sollte sie unterschlĂĽpfen?
Da entdeckte sie auf der Wiese einen kleinen Pilz. Sie rannte schnell hin und versteckte sich unter ihm.
Nun saĂź sie hĂĽbsch im Trocknen und wartete den Regen ab.

Aber es regnete immer stärker.
Kam ein nasser Schmetterling zum Pilz gekrochen und bat:
„Ameise, liebe Ameise, mach mir doch ein Plätzchen unter dem Pilz frei! Ich bin ganz durchnässt, kann nicht mehr fliegen!“
„Wo willst du hier noch hin?“, antwortet die Ameise.
„Ich hab selber kaum Platz.“
„Es wird schon gehen! Wenn auch in Enge, so doch in gutem Einvernehmen.“
Und die Ameise lieĂź den Schmetterling unter das PilzhĂĽtchen schlĂĽpfen.
Nun regnete es aber in Strömen …

Flitzt da ein Mäuschen herbei und piept:
„Lasst mich doch auch unter den Pilz! Das Wasser fließt mir in Bächen von meinem Fell.“
„Wohin sollen wir dich denn lassen? Hier ist kein Millimeter mehr frei?“
„So rückt doch ein bisschen zusammen.“
Das taten sie denn, und das Mäuschen schlüpfte unter das Pilzdach.
Der Regen aber rann und rann und wollte gar nicht mehr aufhören.

Kommt ein Spatzenjunges angehĂĽpft und weint: „Nass ist mein Federkleidchen, mĂĽde sind die FlĂĽgelchen! Nehmt mich auch unter den Pilz, damit ich ein wenig ausruhe und trocken werde, bis der Regen aufhört.“
„Hier ist kein Platz mehr.“
„RĂĽckt doch enger zusammen, bitte!“
„Na schön.“
Sie rückten enger zusammen, und es fand sich für den Spatz noch ein Plätzchen.

Da aber hoppelte ein Hase auf die Waldwiese und sah den Pilz.
„Versteckt mich“, schrie er. „Helft mir. Der Fuchs ist hinter mir her.“
„Der Hase tut mir leid“, sprach die Ameise.
„Machen wir uns doch ein wenig dĂĽnner.“

Kaum hatten sie den Hasen unterm Pilz versteckt, kam auch schon der Fuchs angerannt.
„Habt ihr einen Hasen gesehen?“, fragte er.
„Nein“, antworteten sie.
Der Fuchs kam schnüffelnd näher.
„Hat er sich nicht hier versteckt?“
„Wo soll er sich denn hier verstecken?“
Da schlug der Fuchs mit seinem schönen Schwanz und verschwand.

Da hörte der Regen auf, und die liebe Sonne lugte aus den Wolken.
Alle schlĂĽpften unter dem Pilz hervor und freuten sich gar sehr.
Die Ameise wurde nachdenklich und sprach:
„Wie kann das nur sein? Zuerst war es für mich allein eng unter dem Pilz, und zuletzt hatten wir alle fünf Platz.“
„Quak-quak! Quak-quak!“, vernahmen sie plötzlich ein Lachen.
Sie schauten auf.
SaĂź doch auf dem Pilzhut ein Frosch und hielt sich den Bauch vor Lachen.
„Ach, ihr Dummköpfe! Der Pilz ist doch …“
Er sprach nicht zu Ende und hĂĽpfte quakend von dannen.
Da sahen sich alle den Pilz an und errieten, warum er zuerst fĂĽr einen zu eng war und zuletzt alle fĂĽnf Platz hatten.
Habt ihr’s auch erraten?

Wladimir Sutejew (1903–1993). Russischer Trickfilmzeichner und Autor.

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